Review of Strife (In German) - Dr Thomas GroB

Thomas Groß
Europäer könnten aus der afrikanischen Literatur nicht nur Neues über Afrika, sondern auch über sich selbst erfahren, ist Indra Wussow überzeugt. Deshalb gibt die Sylter Autorin und Kultursponsorin jetzt im Heidelberger Wunderhorn-Verlag die Reihe „Afrikawunderhorn“ heraus.
Drei neue Titel legt sie vor pro Jahr – Bücher zeitgenössischer Autoren, die auch am erwähnten Anspruch zu messen sind. Soeben erschienen ist der Roman „Zwietracht“ des zimbabwischen Autors Shimmer Chinodya.

Aus dem Englischen übersetzt, mit einem hilfreichen Nachwort und Glossar versehen hat ihn Manfred Loimeier, Afrikanist und Redakteur dieser Zeitung. Von Kulten und Geisterglaube Atmosphärisch dicht beginnt alles. Vom Mond ist die Rede, von einer Frau, welche die Dunkelheit nach seinem (begrenzten) Licht absucht. Wer sie ist, weiß man noch nicht. Aber deutlich wird schon die Suche nach etwas Klarem, das buchstäblich Licht in eine Sache zu bringen vermag. Denn über der Familie, die hier im Zentrum steht, scheint eindunkles Verhängnis zu liegen. Der kursiv gesetzte Einschub gleich darauf, dem im Verlauf der Erzählung viele weitere folgen, bringt einen Jäger namens Mhokoshi ins Spiel,schildert dessen archaische Lebensweise, erzählt von naturreligiösen
Kulten und Geisterglaube. Allmählich werden verwandtschaftliche Beziehungen deutlich, auch zwischen der Frau und dem Jäger, der ein Großonkel ihres Mannes ist. Und bald wird auch klar, dass der Konflikt zwischen Tradition und Moderne der Grundkonflikt ist, den der Roman gestaltet. Man darf davon ausgehen, dass ihn der Autor als maßgeblich zur Charakterisierung der Lage Zimbabwes, vielleicht für Schwarzafrika überhaupt, begreift. Der Erzähler wird als Godfrey, der zweite Sohn der Frau, kenntlich. Ihm gibt der 1957 geborene Autor Züge seiner selbst und macht sich so gewissermaßen auch zum Chronisten seines Landes. Die von Leid geprägte jüngere Geschichte der Familie entwickelt sich vor dem Hintergrund der letzten 30 Jahre. Es ist die lange Herrschaft Robert Mugabes; die politischen, wirtschaftlichen und geabergläubischen sellschaftlichen Probleme der Zeit spielen allenthalben ins Familienleben hinein.

Für diese stehen die Unglücksfälle der Familie Gwanangara, die diversen Krankheiten und viel zu frühen Tode, aber nicht direkt. Denn deren „Sinn“ bleibt nicht greifbar und folgt einer literarischen Methode. Die traditionalistischen, vielfach geabergläubischen Nachbarn meinen dagegen klar zu sehen: „Zu viel Bibel und Bildung“, denn die Familie Gwanangara hat sich westlichen Werten verschrieben. Mit diesen stieg sie in den Wohlstand garantierenden Mittelstand auf, entwickelte Ehrgeiz und verlor das Interesse an der weiteren Familie und somit an den eigenen Wurzeln. Was ersieht man als Europäer daraus? Natürlich
ist auch afrikanischer Literatur nichts Menschliches fremd, vermag sie ganz eigentlich zu bewegen und zu faszinieren. Die fürs Buch charakteristische Gegenwart der Vergangenheit weckt, wie die Präsenz magischen Denkens, besonders Erinnerungen an Meilensteine lateinamerikanischer Literatur, etwa Gabriel García Marquez‘ „Hundert Jahre Einsamkeit“ – Loimeiers kenntnisreiches Nachwort weist zu Recht darauf hin. Hilfreich wirkt übrigens der angefügte Stammbaum der Familie. Ohne ihn wäre es schwer, den Überblick zu bewahren. Man kennt das aus russischen Romanen des 19. Jahrhunderts. Analyse des sozialen Mittelstands Von mehr als nur literarischem Interesse scheint die Analyse des sozialen Mittelstands: Abstiegsängste kennt er offenbar auch in Afrika. Und der ja durchaus vertraute, gleichsam ureuropäische Konflikt zwischen Tradition und Moderne wird einem noch stärker bewusst, wenn man etwas über seine spezifische Spielart in Afrika erfährt, das von kolonialen Einflüssen geprägt bleibt.

Lesenswert (und lehrreich) sind das Buch und die Wunderhorn-Reihe also in mehrfacher Hinsicht. Erst recht die globalisierten Zeiten machen Werke belesener, mit vielen literarischen Strömungen vertrauter Autoren wie Shimmer Chinodya zur Weltliteratur – auch dann, wenn das Werk wie hier mit weniger, dafür tiefer angelegten Personen und einer schlankeren Konstruktion wohl noch besser zu wirken vermöchte.